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„Abbitte“ – Ian McEwan September 25, 2008

Posted by besue in Romane & Erzählungen, Romane und Schmöker.
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Es gibt sie immer wieder, jene kleine Querulanten in der Familie, die sich ihren Ruhm dadurch sichern, dass sie sich zum richtigen Zeitpunkt zu den Erwachsenen begeben, mit den Finger auf einen zeigen und unvermeidlich jene Worte sprechen: „Er/Sie hat xxxx getan.“ Und damit wird eine Straftat den Eltern oder anderen Erwachsenen offenbart, die man selbst getan hat. Etwa, dass man über die Großtante gesagt hat, dass sie nach Mottenkugeln riecht, oder dass man schon wieder in des Nachbars Garten war, der doch für alle Zeiten tabu sein sollte…
Es werden Anklagen über Dinge gegen einen erbracht, die man später, wenn man einmal erwachsen ist, ohne allzu große Probleme wieder tun kann. Man kann sich vom Nussbaum herunterbaumeln lassen, sich über seinen Mitmenschen beschweren und beim Nachbar schnell mal den Fußball zurückholen, ohne gleich ausgeschimpft zu werden. Einzig und allein peinlich sollte es einem sein, dass man das alles in diesem Alter getan hat.
Doch damals, vor nicht allzu langer Zeit war es noch ein Weltuntergang gewesen und jenes Wesen, das diese Schandtaten der Welt preisgab, hatte einem das Leben zerstört. Nun, später, kann man berichtigen, dass es nicht zerstört wurde, wohl für die nächsten Tage etwas schwerer und mitunter vielleicht nicht mehr ganz so amüsant, nachdem man sich im Inneren des Hauses aufhalten musste und den Hausarrest abbüßen durfte.

Was aber, wenn es so schwer ist, das offenbarte Verbrechen, dass ein junges Glück zerstört wird. Wird dann die Liebe stärker sein und dies überdauern? Was wenn man das Verbrechen gar nicht begangen hat, und für etwas büßen muss, was man somit nicht getan hat? Was wenn die Buße bis ans Ende des Lebens dauert?

„Abbitte“ von Ian McEwan streckt sich über drei Teile und erzählt über Liebe, Trennung, Verrat und Treue.

Abbitte - Ian McEwan

Abbitte - Ian McEwan

Die Erzählung beginnt an einem für Großbritannien ungewöhnlich heißen Sommertag auf dem Landgut der Familie Tallis. Was sich auf den ersten Zeilen nur als die Niederschrift einer mehr oder minder freudigen Zusammenkunft der Familie ausgibt, offenbart sich schon wenige Seiten später als Auftakt zu einer Erzählung von großem Verrat, der großen Liebe und Treue.

Im Zentrum dieses Unheils steht die dreizehnjährige Briony Tallis, Tochter von Jack und Emily Tallis und Schwester von Cecilia. Briony steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden und glaubt in den Handlungen einer Schwester, die für den Sohn der Putzfrau entflammt, eine Bedrohung des jungen Herrn gegenüber ihrer Schwester zu erkennen. Mit Dingen konfrontiert – wie etwa der Leidenschaft, die zwischen den beiden auflebt und sich in einer Szene in der Bibliothek auslebt – , die sich noch ihrer Kenntnis entziehen und ausgestattet mit einer ausgeprägten Phantasie, die sie in ihrer Entwicklung zur Schriftstellerin noch unterstützen wird, werden die Tatsachen mit der Phantasie vermischt und der junge Robbie Turner wird für ein Verbrechen – der Vergewaltigung der Cousine Lola – angeklagt, das er nicht begangen hat.
Das junge Glück von Cecilia und Robbie scheint zerstört zu sein, denn nur Cecilia und Robbies Mutter Grace glauben an seine Unschuld. Cecilia, derart über das Vorgehen ihrer Familie entsetzt, bricht wenig später mit ihrer Familie und entschließt sich zu einer Ausbildung als Krankenschwester, um auf ihre große Liebe zu warten.

Doch die Vereinigung dauert nur kurz, denn Robbie muss seinen Dienst fürs Vaterland antreten. So handelt der zweite Teil von Robbies Dienst als Soldat im Zweiten Weltkrieg und erzählt von der militärischen Evakuierungsaktion „Operation Dynamo“ von 1940, bei welcher Robbie zusammen mit seinen zwei Kameraden den Weg nach Dünkirchen und somit zurück in die Heimat sucht. Die Schrecknisse des Krieges und eine Verwundung sind eine ernsthafte Bedrohung für den jungen Soldaten und alleine seine „Mieze“, seine Cecilia, sein Glück in der Heimat lassen in aushalten. Ein Versprechen, das sie ihm gegeben hat, das bezeugt, dass sie auf ihn wartet und auf seine Rückkehr, geben ihm stets aufs Neue Mut und lassen ihn als die Entsetzlichkeiten überstehen.

Nun begibt sich die Geschichte wieder auf Reise und macht bei Briony halt, die im selben Krankenhaus, in dem ihre Schwester damals ihre Ausbildung „genossen“ hat, ausgebildet wird. Mit den Schrecknissen des Krieges in Form von verwundeten Soldaten konfrontiert, hadert sie auch noch mit ihrem Schicksal und erinnert sich immer wieder aufs neue an ihr Vergehen an jenem heißen Sommertag. Die Pflege der Verwundeten, die harte Arbeit und die schwere Zeit werden zusehends als Sühne für ihr Verbrechen und sorgen schließlich dafür, dass Briony sich auf den Weg macht, alte Zeiten ungeschehen zu machen. Sie begibt sich auf einen harten steinigen Weg, das richtige zu tun, und sucht erst die Hochzeit ihrer Cousine Lola mit dem an jenem Tag ebenfalls anwesenden Paul Marshall auf. Obgleich sie vorhatte, hier in dieser Kirche, den sich Trauenden entgegen zu treten und somit die Entlastung von Robbie zu fordern, kann sie sich dazu nicht überwinden und ist kurz davor, zurück in ihre Welt als  Krankenschwester zu eilen. Doch zum Schluss kann sie sich doch noch überwinden, ihre Schwester aufzusuchen, um ihr ihren großen Fehler zu gestehen. Dort macht sie in einer kleinen Wohnung die Entdeckung, dass Robbie keineswegs dem Krieg zum Opfer gefallen ist, sondern findet ihn mit ihrer Schwester Cecilia vereint. Nun ist es also an ihr, für alte Fehler gerade zu stehen und sich daran zu machen, zumindest die Zukunft zu ändern, wo doch Geschehenes nicht ungeschehen gemacht werden kann, und somit Abbitte zu leisten.

Der Epilog trägt die Bezeichnung „London, 1999“ und offenbart dem Leser, dass das zuvor gelesene, das große Werk der nun schon  über 70-jährigen Schriftstellerin Briony Tallis ist. Auf den folgenden Seiten werden durch die Ich-Erzählerin die in den vorigen drei Teilen beschönigten Details ausgemerzt und der Leser erfährt, was in jener fiktiven Wirklichkeit wirklich geschehen ist und wo das Glück damals geendet hat. So wird eben jenes Happy-End der Wiedervereinigung durch die „Tatsache“, dass Robbie in Dünkirchen an einer Blutvergiftung starb und Cecilia „The Blitz“ zum Opfer gefallen ist, ausgetauscht und schlussendlich kommt die ihren 77. Geburtstag feiernde Schriftstellerin zur Einsicht, dass nichts, wirklich nichts, die Verbrechen ihres damaligen dreizehnjährigen Ichs ausmerzen kann. Deshalb, so scheint es, möchte sie ihnen zumindest in der fiktiven Welt ihres Romanes ein Glück zuteil kommen lassen, dass ihnen in der Wirklichkeit nicht vergönnt war.

Über den Autor:

Ian McEwan wurde am 21. Juni 1948 in England (Aldershot) geboren und mauserte sich mit den Jahren zu einem angesehenen britischen Schriftsteller. Vor allem sein Roman „Abbitte“ hat durch seine Verfilmung im Jahre 2007 noch einmal einen Höhenflug genossen und bescheinigte dem vielfach ausgezeichneten Schriftsteller noch einmal sein Können.

Fazit:

Man kennt jene Momente, in denen es möglich ist, das Leben anderer Menschen zu beeinflussen und zu verändern. Manches Mal glaubt man sogar das Richtige zu tun, würde man sich dazu bewegen können, nun für eben jene Mitmenschen Handlungen zu setzen. Doch meist ist es gerade der gesunde Menschenverstand, der jedem von uns eigen ist, der uns daran hindert (was eben manchmal gerade nicht der Fall ist), uns derart in das Leben Anderer einzumischen. So lassen wir andere, obgleich unseres „besseren“ Wissen dennoch einige Fehler begehen, um ihnen so ihren eigenen Weg nicht streitig zu machen.

Was jedoch passieren kann, wenn sich kindlicher Übermut, Phantasie und falsch verstandene Tatsachen vermischen, kann man hier gut geschildert erleben. Eventuell tut der Leser gut daran, sich der Phantasie hinzugeben und den Epilog zu überspringen, um so eben jenen Menschen doch ihr Happy-End zu lassen, wie eben auch Aschenputtel ihr Prinz vergönnt ist. Auf jeden Fall erwies sich das Buch als gutes (wenn auch an manchen kurzen Stellen als etwas langatmiges) Werk eines großen britischen Schriftstellers.

Buchdetails:

  • ORIGINALTITEL: Atonement
  • ISBN: 3-257-23380-3
  • VERLAG:  Diogenes