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„Annika und der Stern von Kazan“ – Eva Ibbotson September 15, 2008

Posted by besue in Kinder- & Jugendbücher, Kinder- und Jugendbücher.
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Annika und der Stern von Kazan - Bild

Zuallererst einmal zur Autorin:
Scheinbar ist es irgendwie die Regel, dass man als AutorIn mit einem dermaßen schrecklichen bürgerlichen Namen gesegnet wird, sodass man ihn sogleich ändert. Bei Eva Ibbotson war das meiner Meinung nach nicht der Fall. Im Jahre 1925 geboren, tauften sie ihre Eltern auf den Namen Maria Charlotte Michelle Wiesner – eigentlich ja gar nicht so schlimm oder?

Schlimmer wären da schon Konstanze, Kunigunde, etc. pp. So aber änderte sie ihren Vornamen in Eva und heiratete nach ihrer Emigration nach Großbritannien (damals mit ihren Eltern, also noch ein paar Jahre später) mal schnell ihren Kollegen Alan Ibbotson (immerhin blieb ihr so die Suche nach einem geeigneten Nachnamen erspart).

Geboren wurde Eva bzw. Maria Charlotte Michelle in Wien, einer Stadt, die bekanntlich auf „Vienna“ hört und mitten in Österreich liegt, nun vielleicht nicht ganz so mittig, aber die Stadt war zumindest Mittelpunkt der Geschichte und diese dreht sich um Annika.

Annika ist ein Findelkind, aus irgendeinem Grund blieb es ihr versagt, bei ihrer Mutter groß zu werden und sie wurde von dieser in einer Kirche ausgesetzt. Zu ihrem Glück wurde sie von der Professorenköchin Ellie und der Haushälterin Sigrid gefunden und nach Wien gebracht. Unter der Herrschaft von Kaiser Franz Josef I (so um das Jahr 1900 herum) wächst das Findelkind mal die nächsten zwölf Jahren zu einem fröhlichen mutigen lustigen gesunden Mädchen heran. Zum einen liegt das wohl an der schönen Umgebung, zum anderen sicher auch an der mütterlichen Sorgen von Köchin Ellie und Haushälterin Sigrid und eventuell haben auch die drei Professoren positiv zur Entwicklung Annikas beigetragen, sicherlich aber auch ihre vielen Freunde.

12 Jahre lang war also alles in bester Ordnung, bis Annika eines Tages das Haus betritt und sich ihr ganzes Leben auf einen Schlag ändert. Edeltraut von Tannenberg, eine Aristokratin durch und durch, taucht plötzlich auf und will in Annika ihre verloren geglaubte Tochter gefunden haben. Was zuerst den täglichen Träumen von Annika über die wiedergefundene Mutter ähnelt, entpuppt sich jedoch bald nicht gerade als glänzendes Gold.

Zuerst aber fährt Annika mit ihrer neu gewonnenen Mutter nach Großpriesnitz, einem Herrensitz mitten in Nordostdeutschland. Hier findet sie nicht nur ihren Halbbruder Hermann, sondern auch ein herrschaftliches Haus, das jedoch unter ein paar Mängel zu leiden hat. Wasser tropft von den Wänden und der Decke, ständig verschwinden mehr Bilder und Möbel, die Läufer sind durchgetreten und das wenige Personal ist schlecht bezahlt und gelaunt.

Eigentlich nicht gerade der richtige Aufenthaltsort für die junge Dame Annika, wäre da nicht Zed. Zed, ein Zigeunerjunge und eigentlich Träger eines langen und komplizierten Namens, ist der Stallbursche der Familie Tannenberg. Und während er für diese nur ein Dienstbote ist, ist er für Annika schon bald ein sehr guter Freund. Nur durch Zed und Hermanns Rassepferd Rocco (eigentlich auch Träger eines sehr komplizierten und langen Namens) und den armen verkrüppelten Hector, dem ehemaligen Hund von Hermann, ist für Annika das Leben auf Großpriesnitz erträglich. Doch die Freundschaft der vier steht nicht gerade unter einem guten Stern, immerhin gebührt es sich für eine von Tannenberg nicht, dass man sich mit Dienstboten abgibt, gerne kocht und putzt und dem niederen Volk auch noch auf andere Weise zur Hand geht.

Obgleich Annika ihrer wiedergefundenen Mutter in keinster Weise widersprechen möchte, kann sie auf den Umgang mit ihren neuen Freunden nicht verzichten und so trifft man sich eines Tages zu einem Spaziergang am Seeufer. Dort findet die kleine Gemeinschaft die verblichene Fotografie eines glücklichen Ehepaares. Als Annika dieses alte, schon leicht beschädigte, Bild genauer betrachtet, erkennt sie darin jenes wieder, das sie schon einmal in Wien zu Gesicht bekommen hat.

Es handelt sich um die Abbildung ihrer alten Freundin, der Großtante der Familie Eckhardt, die Schwalbe, die bekannte und berühmte Schauspielerin. Jedoch war das Bild damals gut aufgehoben und pflegte nicht am Seeufer eines Gewässers in Großpriesnitz herumzuliegen. Nein, die Großtante bewahrte diesen Schatz gemeinsam mit ihren anderen Kostbarkeiten in ihrem alten Koffer auf. Dieser enthielt neben einigen alten Bühnenkleidern auch einige Juwelen, wobei es sich jedoch, so wurde Annika damals von der alten Dame versichert, lediglich um Kopien wertvoller Schmuckstücke handelte. Denn im Laufe ihrer Schauspieltätigkeit bekam die Dame vielerlei wertvolle Juwelen von ihren Verehrern geschenkt, die sie dann in schlechten Jahren an einen Juwelier verkaufte und im Gegenzug dazu von diesem Kopien erhielt.

Annika steht vor einem Rätsel, das Foto taucht dort auf, wo es niemals hätte sein können und dürfen. In ihrer Not wendet sich das Mädchen an ihre Mutter, diese teilt ihr mit, dass die alte Dame Annika ihren gesamten Besitz vermacht hat. Jedoch sei dieser niemals in Großpriesnitz angelangt. Somit gibt es nur eine Möglichkeit, den Verlust zu erklären, jemand hat die Juwelen für echt gehalten und den Koffer gestohlen. Annikas Mutter und ihr Onkel finden sogleich den richtigen Sündenbock – Zed, immerhin ja ein Zigeunerjunge und sicherlich auch mit langen Fingern. Natürlich glaubt Annika, dass es sich nur um ein Missverständnis handeln kann, denn weder ihre Mutter noch ihr Onkel könnten sich irren, geschweige denn würde Zed so etwas gemeines tun, oder würde er? Um Gewissheit zu erlangen, macht sich Annika so bald wie möglich auf den Weg, um Zed zur Rede zu stellen, doch der ist schon längst über alle Berge. Gemeinsam mit Rocco ist er verschwunden, einzig Hector wurde zurückgelassen.

Zed flieht Richtung Ungarn, um sich seiner „Familie“ anzuschließen, jedoch erinnert er sich an die Freundschaft Annikas und macht sich auf den Weg, das Missverständnis aufzuklären. In Bad Bernau erhält er den richtigen Hinweis. Nun, da er die Wahrheit kennt, müsste er eigentlich Annika retten, doch diese würde ihm sicherlich keinen Glauben schenken, immerhin wären Personen in diesen Machenschaften verwickelt, denen Annika ihr Leben anvertrauen würden. Alleine ihrer grenzenlosen Freundschaft ist es zu verdanken, dass sich Zed schlussendlich doch nach Wien aufmacht, um den Fall aufzuklären. In Wien angekommen, versetzt sein Bericht die Professoren, Ellie, Sigrid, und all die anderen in Aufregung. Ellie macht sich kurzerhand auf den Weg, um Annika besuchen, doch Annika ist in Großpriesnitz nicht mehr auffindbar. Sie wurde von Frau von Tannenberg in ein Internat verfrachtet. Dort wird sie wie eine Gefangene behandelt und verliert zusehends ihre Lebensfreude.

Ein Grund mehr natürlich für ihre Freunde, sie aus den Fängen dieser Knechtschaft zu befreien. Und so gelingt es schlussendlich doch das Rätsel zu lösen und durch die Stimmkraft des Hofrats Eckhardt wendet sich für Annika alles zum Guten.

Fazit:

Eigentlich für Mädchen und Jungen ab 10, hat das Buch ziemlich spät den Weg zu mir gefunden. Und ich kann es sämtlichen jungen Freunden (und jung gebliebenen) weiterempfehlen. Während ältere und belesene Persönchen wohl den harten Kontrast zwischen der guten bürgerlichen Bevölkerung und dem schlechten und gemeinen Adel (bis auf wenige Ausnahmen) etwas kritisieren könnten, ist es vor allem die Sprache, die so schnell jeden, der dazu bereit ist, in den Bann zieht. Die schillernden und detailreichen Beschreibungen der Hauptstadt Österreichs bieten für einen heimatliebenden Österreicher, wie in meinem Fall, einen lustigen und köstlichen Kontrast zum grauen, matschigen und stinkenden Preußen. Man wandelt mit Annika auf den Wegen Wiens, genießt den Blumenduft und isst köstlichen Marmorgugelhupf, während man hingegen in Großpriesnitz und Umgebung Schwefelschwaden einatmet und verrunzelte Runkelrüben zu Mittag speist.

Dass die Autorin eine Liebeserklärung an ihren Geburtsort Wien geschrieben hat, ist nicht verwunderlich. Jeder, der die Hauptstraßen Wiens verlässt und sich ein bisschen weiter in die Stadt begibt, findet sich rasch an den beschriebenen Orten wieder. Natürlich wird auch einiges beschönigt und sicherlich ist manches nicht so traumhaft wie beschrieben, aber hier geht es ja schlussendlich um eine Geschichte und keineswegs um einen Tatsachenbericht.

Und wenn dann auch noch der Kaiser aus der Kutsche winkt, die Lipizzaner ihren Tanz aufführen, will man gar nicht mehr weg.

Mit Annika und der Stern von Kazan ist Eva Ibbotson ein weiteres gutes Buch gelungen, das sicherlich in einiger Zeit in keinem Kinderzimmer bzw. Klassenzimmer mehr fehlen wird.

Und nachdem ich nun mit diesem Buch erst mit Eva Ibbotson in Kontakt gekommen bin, muss ich wohl das Pflichtprogramm noch erfüllen und mich wohl mal an das Kultwerk: „Maia oder als Miss Minton ihr Korsett in den Amazonas warf“ machen. (c:

Immerhin will man ja wissen, wovon man spricht.